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Ein Scherz unter Kollegen

Frühmorgens, kurz nach sechs. Heute war er noch früher hier als sonst, an seinem Arbeitsplatz im Postamt Fünf. Sein Zustellbezirk hatte die Nummer einhundertdreiundfünfzig. Seit mehr als dreißig Jahren war das sein Stammbezirk. Er kannte ihn in- und auswendig. Die wenigen Ab- und Neuzugänge, bedingt durch Sterbefälle und Umzüge, hatte er jedesmal schnell drauf. Nein, die Zustellung selbst war nicht das Problem. Aber vorher, die Arbeit hier in der Halle. Von Tag zu Tag fiel ihm das Vorsortieren der Post schwerer. Darum kam er seit einigen Wochen früher zum Dienst. Er würde es sonst nicht schaffen, dem Fahrer, der vorausfuhr und die Post, die er nicht selbst im Ziehwagen mitnehmen konnte, an Depots entlang der Zustelltour plazierte, mitzugeben. Es gab feste Zeiten, an denen der Zusteller seine Beutel, Säcke, die nicht Säcke genannt werden durften, dem Fahrer mitgeben musste. Zwei Termine im Abstand von fünfzehn Minuten. Seit Wochen schaffte der alte Zusteller es nur noch zum Nachzüglertermin. Wer den auch verpasste, musste zusehen, wie er die gesamte Post auf einmal in seinen Bezirk brachte. Die Kollegen nahmen dafür ihren Privatwagen. Er hatte keinen Führerschein. Irgendwen um Hilfe bitten, würde ihm nicht leicht fallen.
Ein Jahr musste er noch durchhalten bis zur Rente. Er sah kurz hinauf zu den durch Metallbügel begrenzten Fächern über seinem Schreibtisch. Sie schienen darauf zu warten, von ihm mit den Briefen, die er gerade von der Ausgabestelle
geholt hatte, gefüllt zu werden. Nach der letzten Bezirksvermessung waren wieder einige Fächer hinzugekommen. Er hatte noch nie erlebt, dass ein Bezirk einmal verkleinert worden wäre. Der Ausdruck `Beutel` kam ihm erneut in den Sinn und sein Mund verzog sich zu einem bitteren Lächeln. Der alte Zusteller erinnerte sich an den letzten Sommer. Damals war ein Student, der während der Semesterferien als Aushilfskraft bei der Post gearbeitet hatte, von einem der Aufsichtsbeamten darauf hingewiesen worden, dass er die Bezeichnung `Beutel` zu verwenden habe. Der Student hatte für derlei Sprachkosmetik keinen Sinn gehabt und erwidert, dass er es auch weiterhin vorziehe, einen Sack als Sack zu bezeichnen. Der Streit hatte sich immer mehr zur Groteske ausgeweitet. Bald waren das Personalbüro und Vorgesetzte auf mehreren Ebenen darin verwickelt Schließlich war der Student entlassen worden. Bei seinem Abschied hatte der junge Mann verkündet, gegen die Kündigung klagen zu wollen, aber der alte Zusteller hatte nie erfahren, wie die Sache ausgegangen war.
Es wurde Zeit, die Wertsendungen und Zahlungsanweisungen am Ausgabeschalter abzuholen. Die meisten Kollegen gingen anschließend zum Frühstück in die Caféteria. Dafür hatte der alte Zusteller schon lange keine Zeit mehr gehabt. Heute würde er es auch nur gerade so schaffen, bis der zweite Fahrer losfuhr.
Und da war es wieder. Er hatte es beinahe vermisst, so sehr war er schon daran gewöhnt. Seit über zwei Wochen hatte er dieses Ziehen in der Brust. Es kam jeden Morgen, beinahe zur selben Zeit; war schmerzhaft, ließ ihn schwitzen und nahm ihm die Luft. Aber er wagte es nicht, deswegen zum Arzt zu gehen. Er hatte Angst, der würde ihm auf höfliche Weise dasselbe sagen, was die Kollegen sich zuraunten. `Der Alte bringt es nicht mehr, ist fertig, ausgebrannt, gehört zum alten Eisen.`
“He, was ist los mit dir?”, fragte ein Kollege im vorbeigehen. “Kein Frühstück heute?” Ein anderer fügte eine Bemerkung hinzu, die der alte Zusteller nicht verstand. Dem Tonfall nach zu urteilen, hatte es abfällig geklungen. Vielleicht war er heute dran. Das hatte ihm noch gefehlt. Die lieben Kollegen.
Die lieben Kollegen hatten mitunter die liebe Gewohnheit, sich gegenseitig das Arbeitsleben schwer zu machen. Dann suchten sie sich einen aus ihrer Reihe aus und gingen nach allen Regeln der Bosheit daran, den Betreffenden bis zur Weißglut zu reizen. Hatten sie das erreicht (sie hatten es bisher immer erreicht), freuten sie sich diebisch darüber und fragten scheinheilig, warum man sich denn so aufrege, ob man denn keinen Spaß verstünde und so weiter.
Heute war er also dran. Der alte Zusteller sah auf die Uhr. In einer Dreiviertelstunde würden die ersten Kollegen die Halle verlassen. Noch einmal fünfundvierzig Minuten später, würde der Nachzüglerwagen vollgeladen werden und abfahren. Das bedeutete anderthalb Stunden Spießrutenlaufen. Der alte Zusteller wollte tief durchatmen, aber die Luft blieb ihm irgendwo in der Brust stecken, was ihm ein unangenehmes Gefühl bereitete. Nicht, dass seine Kollegen besonders gemeine Zeitgenossen waren, nein. Sie waren durchaus zu
rührenden Gesten der Hilfsbereitschaft fähig. Er hatte oft mitbekommen, wie sie ihre eigene Arbeit unterbrochen hatten, um einem Neuling, der mit seiner Arbeit in Rückstand geraten war, zu helfen. Vor wenigen Jahren noch war das häufiger vorgekommen. Heutzutage waren die Anforderungen so hoch, dass kaum noch jemand Zeit für derlei Hilfeleistungen erübrigen konnte.
Früher hatte der alte Zusteller ebenso seinen Spaß daran gehabt, andere auf die Palme zu bringen. Aber das war lange her, vielleicht noch länger, als die letzte Hilfeleistung eines Kollegen. Ob er es sich leisten konnte, auf die Toilette zu gehen, ohne allzu sehr in Rückstand zu geraten? Besser nicht. Die Kollegen würden gewiss die Gelegenheit nutzen, ihm während seiner Abwesenheit einen Streich zu spielen.
Die Wertsendungen! Beinahe hätte er sie vergessen. Der alte Zusteller eilte zum Schalter. Er hatte Glück. Nichts für ihn dabei, heute. Auf dem Rückweg hielt er es nicht mehr aus und ging auf die Toilette. Danach holte er einen weiteren Stapel vorsortierter Briefpost aus seinem Fach. Unterwegs glitten ihm die Briefe aus der Hand und fielen auf den Boden. Mit einem Seufzer ging er in die Hocke, um die Post aufzusammeln. Eine junge Frau bückte sich, um ihm zu helfen. Aus Stolz und Eigensinn wehrte er sie ab.
“Na, Kollege? Willst du jetzt auf dem Boden weiter arbeiten?”, spottete jemand im vorbeigehen. Der alte Zusteller würdigte ihn keiner Antwort. Dann fiel ihm ein, dass er nun schon lange genug von seinem Platz weg war, um den anderen Gelegenheit zu geben, ihm einen Streich zu spielen. Er stand so schnell auf, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Er musste einige Sekunden warten, bis ihm nicht mehr schwindelte. “Was ist los, Kollege, keine Lust heute?” Der Frager ging grinsend an dem alten Zusteller vorbei. Der schaute auf die Uhr und erschrak. Heute würde er es auf keinen Fall rechtzeitig schaffen, seine Post dem Fahrer des Nachzüglerwagens mitzugeben. Irgendwer rempelte den alten Zusteller an. Dessen Briefe fielen erneut zu Boden.
“Kannst du denn nicht aufpassen!”, rief er dem anderen nach, bekam aber keine Antwort.
Diesmal dauerte es länger, bis er die Briefe wieder aufgesammelt hatte. Der alte Zusteller ließ sich Zeit. Jetzt war es sowieso egal. Er würde alleine zusehen müssen, wie er zurecht kam. Die Briefpost konnte er im Ziehwagen mitnehmen. Die Drucksachen würde er stehen lassen und erst am Nachmittag austragen. Das war zwar verboten, aber es fiel ihm nichts Besseres ein.
Wieder an seinem Arbeitsplatz kontrollierte er, ob ihm jemand seine vorsortierte Post durcheinander gebracht hatte. Es war alles in Ordnung. – oder etwa nicht? Irgend etwas war anders. Er spürte es, konnte aber nicht sagen, was es war. Die Kollegen links und rechts von ihm mieden seinen Blick. Bei einem spielte ein Zucken um die Mundwinkel, so als müsse er sich das Lachen verbeißen. Warum war der überhaupt noch hier? Sonst gehörte er doch auch immer zu den Ersten, die die Halle verließen und auf Tour gingen. Zusammen mit den Anderen, die hier herumstanden, obwohl sie ihre Beutel bereits abgegeben hatten. Auch ihre Ziehwagen standen vollgeladen bereit. Der Ziehwagen, natürlich! Jetzt fiel es ihm auf. Wo war sein Ziehwagen? Irritiert schaute er sich um. Wut stieg in ihm hoch. Der Kollege, dessen Mundwinkel schon die ganze Zeit über gezuckt hatten, kicherte jetzt leise vor sich hin. Nun wusste der alte Zusteller, dass seine Kollegen nur hier geblieben waren, um zu sehen, wie er sich ärgerte. Er wollte etwas sagen, brachte aber kaum ein Krächzen zustande. Der Schmerz in seiner Brust war stärker als je zuvor. Um ihn herum wurde es dunkel. Der alte Zusteller hörte nicht mehr, wie jemand den Betriebsarzt rief. Er hörte auch nicht mehr die Unschuldsbeteuerungen seiner Kollegen, die erklärten, dass alles nur ein harmloser Scherz gewesen sei.

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