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Leseprobe VermisstenFall

Teil I
Gesucht: Der Lurch

Kapitel 1

Mein ohnehin viel zu kurzer Schlaf wurde durch penetrantes Telefongeläut rüde unterbrochen. Mit zusammen-gekniffenen Augen tastete ich nach dem Hörer.
„Ja?”, stieß ich knapp und kurz angebunden hervor. Der unverschämte Störenfried sollte ruhig merken, dass mir sein Anruf äußerst ungelegen kam.
„Tim, bist du es?”
Das war unverkennbar Sigrid Beck, Anfang dreißig, dynamische Eigentümerin eines Fotostudios in Taunusstein, wo ich einen Teil meiner Brötchen verdiente. Ich jobbe gelegentlich als Teilkörpermodell. Sigrid hat gewissermaßen meine Knie entdeckt. Wenn sie mich anrief, dann nicht ohne einen guten Grund.
„Sigrid, was ist los? Habe ich einen Termin verpasst? Ich dachte, wir sehen uns erst nächste Woche.”
„Nein Tim. Es geht nicht um irgendein Fotoshooting. Ich brauche deine Hilfe.”
Das hörte sich gar nicht gut an. Sigrid war eine erfolgreiche Geschäftsfrau, selbstbewusst und gewohnt, auf eigenen Füßen zu stehen. Sie hatte all die Eigenschaften, die mir abgingen: Zielstrebigkeit, Hartnäckigkeit, Ausdauer. Üblicherweise war ich derjenige, der von uns beiden der Hilfe bedurfte. Und genau hier lag das Problem. Wenn Sigrid mich brauchte, steckte sie ‘A’ richtig in der Klemme, und ich konnte ihr ‘B’ meinen Beistand nicht versagen, denn ich schuldete ihr eine ganze Menge.
„Was kann ich für dich tun?”, fragte ich, bemüht, möglichst unbeteiligt zu klingen.
„Ich brauche deine detektivischen Fähigkeiten”, sagte sie.
Ich schloss die Augen und schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Alles, nur das nicht. Die Bilanz meines bisher einzigen Detektivfalls belief sich auf vier tote Menschen und eine Hundeleiche. Nicht zu vergessen, dass ein brutaler Schläger mit einer Eisenstange auf mich eingeschlagen und mir dabei fast die Kniescheibe zertrümmert hatte. Wenn es nach mir ging, würde ich alles tun, um ein ähnliches Fiasko zu vermeiden.
„Das ist nicht dein Ernst, oder?” Es war ein irrationaler Rettungsversuch. Der Griff nach einem Strohalm, der nie existiert hatte. Durch die Telefonmuschel hörte ich, wie Sigrid tief durchatmete.
„Tim,” sagte sie. „Um eins mache ich Mittagspause. Schaffst du es bis dahin nach Taunusstein?”
„Sicher.” Eine Antwort, die ich nach meinem Blick auf den Wecker sofort bereute. Es war bereits kurz vor zwölf. Hatte ich wirklich so lange geschlafen? Was soll’s, dachte ich. Der Tag war sowieso im Eimer.
„Ich bin spätestens um eins bei dir”, sagte ich und legte auf.
Glücklicherweise befand sich die Bushaltestelle nicht weit von meiner Wohnung in der Drudenstraße entfernt. Taunusstein lag nur etwa zehn Kilometer außerhalb von Wiesbaden, und um die Mittagszeit fuhren wegen der Schulkinder häufiger Busse dorthin.
Umgeben vom Lärm dutzender Schreihälse grübelte ich über Sigrids Hilferuf nach. Vor allem fragte ich mich, was sie dazu veranlasst hatte, mich als Privatdetektiv anzuheuern. Ich habe noch nicht einmal eine Lizenz und Sigrids Begeisterung für mein Tätigkeitsgebiet hatte sich bisher durchaus in Grenzen gehalten.
Ich erreichte das in Taunusstein-Hahn gelegene Fotostudio pünktlich zum Beginn von Sigrids Mittagspause.
„Wir fahren am besten zu mir”, sagte sie. „Mein Auto steht gleich dort drüben.”
Wir überquerten die Straße und stiegen in Sigrids blauen Mini-Cooper. Beim Einsteigen sah ich, wie auf der gegenüberliegenden Straßenseite zwei Männer der dunkelhaarigen attraktiven Fahrerin des Kleinwagens bewundernde Blicke zuwarfen. Die Kerle bewiesen Geschmack.
„Wohnst du immer noch hier in der Gegend?”, fragte ich.
Sigrid rückte die Nickelbrille, die so gar nicht zu ihrem übrigen Äußeren passen wollte, zurecht und sagte: „In Bleidenstadt, nur einen Kilometer von hier.”
„Da gibt es doch diesen Biomarkt an der Hauptstraße, können wir da kurz anhalten?”, fragte ich. „Ich habe noch nicht gefrühstückt.”
Sigrid grinste. „Ach so, du hast Angst, bei mir nichts Fleischloses zu essen zu finden. Glaubst du vielleicht, ich habe vergessen, dass du Vegetarier bist?”
„Nun ja … “ Sie hatte mich eindeutig ertappt.
„Und auch keinen Alkohol trinkst?”, bohrte sie weiter.
Ein Lieferwagen scherte knapp vor uns ein, was Sigrid dazu bewog, ihre Aufmerksamkeit von mir abzulenken. Wütend drückte sie auf die Hupe.
„Armleuchter!”
Ich sah scheel zu ihr rüber. Normalerweise war sie beim Autofahren beherrschter.
„Was hast du eigentlich für ein Problem?”, fragte ich, froh über die Gelegenheit, das Thema zu wechseln. „Warum hast du mich angerufen?”
„Ein Freund von mir ist verschwunden. Ganz plötzlich. Ich glaube, er steckt in Schwierigkeiten.”
„Dein Freund?”, hakte ich nach. Nicht, dass ich eifersüchtig gewesen wäre. Ich hatte meine Chance bei Sigrid gehabt und sie noch nicht einmal nutzen wollen. Wir zwei zusammen, das passte einfach nicht.
Sigrid verneinte. „Ich bin Single. Das weißt du doch. Stefan ist ein guter alter Freund. Nicht mehr und nicht weniger.”
Ich beschloss, vorerst die Klappe zu halten. Gut gemacht, Tim, beglückwünschte ich mich in Gedanken. Wieder einmal keine fünf Minuten bis zum ersten Fettnäpfchen gebraucht. Immerhin war es erst wenige Wochen her, dass ich vor Sigrids Annäherungsversuch Reißaus genommen hatte. Im Grunde konnte sie einem leid tun. Einerseits dermaßen attraktiv, dass sich kaum ein Mann nicht nach ihr umdrehte, andererseits ständig an Typen geratend, die sie nur ausnutzten – wie ich.
Wir hielten auf dem Parkplatz neben dem etwa zehnstöckigen Hochhaus, in dem Sigrids Eigentumswohnung lag. Die Wohnung hatte drei Zimmer und verfügte über ein Tageslichtbad, eine Gästetoilette und eine halbwegs geräumige Küche, alles auf etwas über achtzig Quadratmeter verteilt. Genau die richtige Größe, um sich als Single hin und wieder so richtig einsam zu fühlen.
„Geh schon mal ins Wohnzimmer”, sagte Sigrid. „Ich mache uns einen Kaffee.”
Keine zehn Minuten später kehrte sie mit einem Tablett zurück. Unter ihrem linken Arm hatte sie ein Fotoalbum geklemmt. „Du hast ein Foto von diesem Stefan?”, fragte ich scharfsinnig.
„Nicht bloß eins”, erwiderte Sigrid. „Mehrere.” Sie griff nach der Kanne und schenkte Kaffee ein. „Hier”, sagte sie und reichte mir eins der Bilder.
Ich glotzte wohl eine halbe Minute verständnislos auf das Foto. „Soll er da drauf sein?”, fragte ich schließlich. „Wo ist er denn?”
Sigrid nahm mir das Bild aus der Hand und betrachtete es zunächst verblüfft, dann lachte sie auf. „Ach so. Du kannst ihn darauf gar nicht sehen. Er steckt im Pinguinkostüm.”
„Sehr witzig”, bemerkte ich.
„Ich wollte dir ja auch ein ganz anderes Foto zeigen”, sagte Sigrid. „Das hier. Ich habe es selbst aufgenommen.”
Ich griff nach Bild Nummer zwei und sah einen Mann Anfang vierzig, also nur wenige Jahre jünger als ich. Er hatte schwarze Haare, die seine Ohren zur Hälfte bedeckten. An den Seiten waren vereinzelt graue Stellen zu sehen. Die dunklen Augen schimmerten fröhlich. Offenbar war Stefan kein Kind von Traurigkeit. Beherrschendes Element seiner Physiogno-mie war jedoch eindeutig die Nase. Ein beachtlicher Zinken, der hakenförmig über dem breiten Mund hervorragte. Insgesamt eine sehr gute Aufnahme. Sigrid verstand etwas von ihrem Beruf.
„Kann ich das Foto behalten?”, fragte ich. Sigrid nickte.
„Natürlich.“
„Was ist denn genau passiert?”, fragte ich und nippte an meinem Kaffee. „Warum glaubst du, dass dein Freund verschwunden ist? Warum lässt du ihn nicht durch die Polizei suchen und wie heißt dieser Stefan überhaupt mit Nachnamen?”
Sigrid klappte das Album zu und hob abwehrend die Hände. „Langsam, Tim, langsam. Ich werde dir alles der Reihe nach erzählen.”
Sie lehnte sich zurück und drehte eine Locke um ihren Zeigefinger. „Vor gut einer Woche tauchte Stefan Rabenacker zum ersten Mal seit langem wieder bei mir auf. Wir kennen uns seit seiner Studentenzeit. Er hat schon damals in Wiesbaden gewohnt und aushilfsweise bei mir gejobbt.”
„Wann war das?”
„Vor ungefähr acht Jahren.”
Mir kam ein Gedanke. „Sag mal, hat dieser Rabenacker sein Studium jemals abgeschlossen?”
Sigrid hatte gerade von ihrem Kaffee trinken wollen. Sie setzte die Tasse wieder ab und sah mich überrascht an.
„Nein, warum fragst du?”
„Ich will mir nur ein genaues Bild machen”, wich ich aus. Was für ein Bild sich da gerade in mir zusammenfügte, behielt ich lieber für mich. Wie ich mittlerweile wusste, war Stefan Rabenacker heute ungefähr vierzig Jahre alt. Demnach hatte er mit zweiunddreißig noch studiert und dieses Studium nicht abgeschlossen. Ob er wohl auch wie ich immer noch immatrikuliert war, ohne in den letzten Jahren einen Hörsaal von innen gesehen zu haben? Jedenfalls war der Kerl anscheinend genauso ein Loser wie ich. Exakt die Sorte Mann, auf die Sigrid ständig hereinfiel, weil sie einen Narren an ihnen gefressen hatte. Ich konnte diesen Rabenacker schon jetzt nicht besonders gut leiden.
„Erzähl weiter”, forderte ich sie auf.
„Vor einer Woche also suchte mich Stefan im Fotostudio auf. Ich hatte fast ein Jahr lang nichts von ihm gehört. Er jobbte jetzt in Wiesbaden, bei einer Firma in der Rheinstraße. Stefan wollte sich eine Digitalkamera von mir leihen. Den Grund dafür hat er mir nicht gesagt, aber es schien ihm ungeheuer wichtig zu sein.”
„Und dann?”
„Stefan versprach, die Kamera gleich am nächsten Tag zurückzubringen. Das hat er auch getan. Allerdings nicht persönlich.”
„Wie dann?”, fragte ich. „Etwa mit der Post?”
„Nein. Er hat sie hier im Haus vor meine Wohnungstür gestellt. In einem Karton.”
„Ja, und? Das war vielleicht nicht ganz vernünftig von ihm, sondern etwas leichtsinnig, bei dem Wert, den die Kamera vermutlich darstellt, wenn sie aus deiner Ausrüstung stammt. Andererseits ist es aber durchaus noch nachvollziehbar. Rabenacker hat dich eben nicht daheim angetroffen und dir den Apparat dann vor die Tür gestellt.”
Ich zuckte die Achseln und trank meine Kaffeetasse leer.
Sigrid schüttelte den Kopf. „Du verstehst nicht, Tim. Ich bin mir sicher, dass Stefan mich gar nicht sehen wollte.”
„Wie kommst du darauf?”
Sigrid schenkte uns Kaffee nach. „Weil er genau wusste, dass ich zu der Zeit, als er die Kamera zurückbrachte, nicht zu Hause, sondern im Fotostudio war”, sagte sie und setzte die Kanne wieder ab. „Er muss die Kamera am Vormittag zurückgebracht haben. Als ich morgens aus der Wohnung ging, war sie noch nicht da. Ich fand sie erst, als ich zur Mittagspause wieder hierher zurückkehrte.”
„Vielleicht hat er den Apparat von hier mitgenommen und wollte ihn deshalb auch hierher zurückbringen”, versuchte ich zu erklären, aber Sigrid winkte ab.
„Nein, ich gab ihm die Kamera im Studio.” Sie legte ein Kuvert auf den Tisch. „Hier, lies das. Der Brief kam heute Morgen mit der Post. Er dürfte eindeutig beweisen, dass Stefan untergetaucht ist, weil er in Schwierigkeiten steckt.”
Ich griff nach dem Umschlag und faltete ein Blatt Papier auseinander. ‘Liebe Sigrid’, stand da. ‘Vielen Dank, für die Kamera. Ich hoffe, du hast sie unversehrt zurückerhalten. Bitte entschuldige, dass ich sie dir nicht persönlich vorbeigebracht habe, aber glaube mir, es ist besser so. Auf mich wurde ein Killer angesetzt. Sein Deckname ist Sugar. Mehr weiß ich nicht von ihm, außer, dass er schon einmal versucht hat, mich umzubringen. Keine Sorge, ich bin absolut sicher, dass er mir nicht zu deiner Wohnung gefolgt ist. Ich haue ab in die Karibik. Leb wohl!’
Ich legte den Brief auf den Tisch und kratzte mich am Kopf. „Wäre schön gewesen, wenn er eine Handynummer angegeben hätte”, sagte ich. „Das würde die Sache ungemein erleichtern.”
„Ich glaube nicht, dass Stefan ein Mobiltelefon besitzt”, entgegnete sie. „Er hat sich immer vor solchen Dingen wie Strahlung und Elektrosmog gefürchtet.”
„Hältst du es für wahrscheinlich, dass er sich ins Ausland absetzt?”, fragte ich.
Sigrid verneinte energisch. „Niemals. Nicht Stefan. Der hängt so sehr an seinen persönlichen Sachen. Die würde er nie zurücklassen.”
„Auch nicht, wenn sein Leben unmittelbar bedroht wäre?”, hakte ich nach.
„Auch dann nicht. Außerdem glaube ich nicht, dass er über genug Geld verfügt, um sich in ein anderes Land abzusetzen. Er hatte schon früher ständig finanzielle Probleme. Daran scheint sich bis heute nichts geändert zu haben. Der Job bei dieser Firma in der Rheinstraße war ja auch nur aushilfsweise. Ich bin überzeugt, dass Stefan sich noch irgendwo in Wiesbaden und Umgebung aufhält.” Sigrid sah mich an. In ihren Augen schimmerte es feucht. „Bitte, Tim. Du musst ihn finden. Versuch es wenigstens, ich bitte dich!”
Meine Fingernägel bearbeiteten wieder meine Kopfhaut.
„Ich weiß noch nicht recht, wie ich das anstellen soll”, zögerte ich. „Wenn das mit dem Killer stimmt, muss ich versuchen, an Rabenacker heranzukommen, ohne dass dieser ominöse Sugar Wind davon bekommt.”
Sigrid nickte zustimmend. „Wir müssen auf jeden Fall sehr vorsichtig sein. Ich habe natürlich überlegt, ob es vielleicht besser ist, Stefan sich selbst zu überlassen und darauf zu vertrauen, dass dieser Mörder ihn nicht findet. Aber denk doch nur. Wie lange kann Stefan das durchhalten? Er ist mittellos und hat offenbar keine Freunde außer mir. Wie groß denkst du, sind seine Chancen, sich auf Dauer vor einem Profikiller verstecken zu können? Ich sage dir, jemand muss ihm beistehen. Je eher, desto besser. Ich werde jedenfalls nicht abwarten, bis ich eines Tages das Foto seiner Leiche in der Zeitung sehe! Es tut mir wirklich leid, dich damit hineinzuziehen, Tim, aber ich weiß einfach nicht, wen ich sonst um Hilfe bitten könnte. Ich habe ja auch schon daran gedacht, eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufzugeben, aber das wird wahrscheinlich nicht viel bringen. Ich bin keine Familienangehörige von Stefan. Er hat auch gar keine mehr, soviel ich weiß. Wahrscheinlich würden die Beamten mich gar nicht ernst nehmen und als hysterisches Weib abtun, das seinem Schwarm hinterher läuft.”
Unanständigerweise hatte ich gerade etwas Ähnliches gedacht. Ich fixierte meine Kaffeetasse und hoffte, dass Sigrid nicht bemerkte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. Es war mir ein Rätsel, warum Sigrid sich für solche Typen wie Rabenacker – ja, gut und auch für mich – aufopferte. Aber so war sie nun einmal. Und ich war ihr eine Menge schuldig. Es war meine verdammte Pflicht ihr zu helfen, so irrsinnig mir das selbst auch vorkommen mochte.
„Also gut”, sagte ich schließlich. „So wie ich das sehe, bleibt nur der Weg über seine persönlichen Kontakte. Erzähle mir alles, was du über ihn weißt. Seine Interessen, seine Hobbys, Mitgliedschaften, Aktivitäten, gemeinsame Bekannte, was weiß ich. Leg einfach los. Ich habe mein Diktiergerät dabei.”
Sigrid schaute mich verblüfft an. Sicher hatte sie nicht damit gerechnet, dass ich sie so ohne Weiteres unterstützen würde.
„Gut”, meinte sie, nachdem sich ihre Überraschung über mein bereitwilliges Engagement gelegt hatte. „Lass mich kurz überlegen. Also, zuletzt hat Stefan, wie gesagt, bei dieser Firma in der Rheinstraße in Wiesbaden gejobbt.”
„Weißt du den Firmennamen noch?”, unterbrach ich sie.„Leider nicht. Wirklich zu dumm, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann. Stefan hat dort Auftragslisten geführt, Kundenkarteikarten aktualisiert, allgemeine Büroarbeit eben. Eine feste Stelle hat er wie gesagt nicht. Seine Interessen sind breit gefächert. Er liest gern und geht oft ins Theater. Er ist mehr so ein künstlerischer Typ. Die einzige Natur-wissenschaft, für die er sich erwärmen kann, ist Biologie. Da hat er richtig was drauf. Darum hat er bei mir auch den Spitznamen der Lurch.”
„Der Lurch?” Meine Kinnlade klappte nach unten.
„Ja”, fuhr Sigrid ungerührt fort. „Allerdings bin ich die einzige, die ihn so nennt. Besonders die Evolutionstheorie hat es ihm angetan. Darüber konnte er zumindest früher ganze Vorträge halten.”
„Aha”, meinte ich. „Weißt du, ob er noch woanders gearbeitet hat? Ich nehme an, der Bürojob allein wird kaum ausgereicht haben. Vielleicht jobbt er inzwischen wieder bei einer anderen Arbeitsstelle.”
Sigrid zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Aber da er Gitarre spielt, jongliert und über ein gewisses schauspielerisches Talent verfügt, könnte er heute auch durchaus als Straßenmusiker oder Alleinunterhalter ein wenig Geld verdienen.”
„Zu riskant”, widersprach ich. „Wenn ihm tatsächlich ein Killer auf den Fersen ist, wird sich Rabenacker nicht in aller Öffentlichkeit als Publikumsmagnet präsentieren.”
„Wieso nicht?”, meinte Sigrid. „Manchmal ist Offenheit die beste Tarnung.” Ich blieb skeptisch und meine Mimik machte aus meinem Zweifel keinen Hehl. Aber es hatte keinen Sinn, jetzt weiter darüber zu diskutieren.
„Was für Freunde hat er?”, fragte ich stattdessen.
Sigrid verzog das Gesicht. „Ich habe Stefan in den letzten Jahren doch kaum gesehen. Das hat sicher auch damit zu tun, dass er irgendwann ein plötzliches Interesse für Kornkreise entdeckt hat. Du weißt schon … “, Sigrid konnte mir mein Unverständnis deutlich ansehen, „… diese geometrischen Figuren in Getreidefeldern, die angeblich von UFOs stammen. Er besuchte sogar einen Gesprächskreis. ‘Alien Friends’ heißt er, glaube ich. Die inserierten früher öfter im Stadtmagazin.”
„Früher?”, hakte ich nach.
„Die Gruppe hat sich anscheinend aufgelöst. Ich habe die Telefonkontaktnummer noch in einer alten Ausgabe des Magazins gefunden und versucht dort anzurufen. Kein Anschluss unter dieser Nummer.”
„Du sagst, dieses Interesse für Außerirdische kam plötzlich?”, fragte ich nach. „Was für eine Weltanschauung vertrat er denn vorher?”
Sigrid schüttelte die Kaffeekanne. Sie war fast leer.
„Wegen mir brauchst du keinen mehr zu kochen”, sagte ich. „Ich habe genug. Wie lange machst du eigentlich Mittag?”
Sie sah auf die Uhr. „Bis um drei. Wir haben also noch etwas Zeit. Um auf deine Frage zurückzukommen … “ Sie schenkte sich den letzten Rest Kaffee in ihre Tasse, leerte sie in einem Zug und verzog leicht angewidert das Gesicht.
„Früher war Stefan ganz anders drauf. Da machte er einen riesigen Bogen um alles, was nichts mit Politik zu tun hatte. Er trieb sich in marxistischen Zirkeln herum und war in der Antifa-Bewegung aktiv.” Sie schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. „Genau, jetzt fällt es mir wieder ein! Bis vor kurzem hat er noch an einer Biographie über einen alten Widerstandskämpfer der KPD mitgeschrieben. Verflixt! Ich kann mich nicht mehr an den Namen des Co-Autoren erinnern!” Sie raufte sich die Haare. „Nein, nichts zu machen. Aber warte mal. Der Name von dem Widerständler fällt mir bestimmt wieder ein Dasch, Brasche, … genau, Basche, Rüdiger Basche. So heißt er.”
Ich nickte zufrieden und notierte mir den Namen in mein Notizbuch. „Weißt du, wo er wohnt?”
„In Frankfurt, irgendwo in Ginnheim, glaube ich.”
„Das finde ich schnell heraus”, sagte ich.
„Vorausgesetzt dieser Herr Basche besitzt ein Telefon. Sonst dauert es halt ein wenig länger.”
Sigrids Mittagspause ging zu Ende. Sie machte sich bereit, zu ihrem Studio zurückzukehren. Ich wollte mit dem Bus direkt von Bleidenstadt nach Wiesbaden fahren.

Kapitel 2

In meiner Dachwohnung hockte ich mich an den Computer und stöberte in diversen Online-Telefonbüchern herum. Nach wenigen Minuten hatte ich Rüdiger Basches Adresse gefunden. Ich überlegte, ob es sinnvoll war, meinen Besuch telefonisch anzukündigen. Es sprach einiges dafür, zuerst anzurufen, anstatt direkt nach Frankfurt zu fahren. Als Zeitzeuge des Dritten Reiches und aktiver Widerständler war Rüdiger Basche vermutlich über neunzig, wenn nicht sogar hundert Jahre alt. Wie würde ich reagieren, wenn ich ein alter Mann wäre, vor dessen Tür ein kaum halb so junger Mann, den er nicht kannte, unangemeldet auftauchte?
Ich ließ es zehnmal klingeln, um Basche Zeit zu geben, sein Telefon zu erreichen. Bei seinem Alter spielte der Körper wahrscheinlich nicht mehr so gut mit. Nach dem zwölften Piepton meldete sich eine kratzige Stimme.
„Ja?”
„Herr Basche?”, fragte ich. „Mein Name ist Strecker. Ich wohne in Wiesbaden und hätte gerne eine Auskunft.”
„Ich kaufe nichts. Das habe ich Ihnen schon hundertmal gesagt!”
„Nein, warten Sie, Ich … “, zu spät. Ein lautes Knacken in der Leitung verriet mir, dass Basche den Hörer auf die Gabel geknallt hatte. Blieb also doch nur Plan B.
Ich fuhr mit der S-Bahn nach Frankfurt, stieg dort um und landete nach einer kleinen Odyssee schließlich im Stadtteil Ginnheim. Rüdiger Basche bewohnte in der Peter-Boehler-Straße einen mehrgeschossigen Wohnbau im ersten Stock. Ich hatte Glück. Die Haustür war nicht abgeschlossen und Basche offensichtlich zu Hause. Nachdem ich geklingelt hatte, hörte ich hinter der Wohnungstür schlurfende Schritte. Ein Schlüssel wurde zweimal herumgedreht, dann öffnete sich die Tür einen Spalt breit. Eine Türkette verhinderte weiteren Zutritt. Zwei Augen musterten mich misstrauisch. Der stechende Blick gehörte zu einem Paar blaugrauer Augen, die wiederum Bestandteil eines Frauengesichtes waren. Die Person war nur etwas über einsfünfzig hoch, strahlte aber ein großes Maß natürlicher Autorität aus.
„Frau Basche?”, fragte ich zögernd.
„Was wollen Sie?” Die Stimme klang resolut.
„Guten Tag, mein Name ist Strecker. Ich möchte … “
„Wir kaufen nichts!” Die Frau machte Anstalten, die Tür zu schließen.
„Warten Sie, bitte! Ich bin kein Vertreter. Ich suche nur jemand, der an einem Buch über die Lebensgeschichte ihres Mannes mitgeschrieben hat.”
Die Tür fiel ins Schloss. Dann hörte ich etwas rasseln und es wurde wieder geöffnet. Frau Basche hatte die Kette entfernt.
„Rüdiger!”, rief sie über die Schulter gewandt in Richtung des langgestreckten Flurs hinter ihr. Mit schlurfenden Schritten näherte sich ein stattlicher Mann in seinen hohen neunziger Jahren. Sein Kopf war kahl bis auf einen dünnen weißen Haarkranz. Er hatte ein faltiges Gesicht und trug eine Brille, hinter der zwei braune Augen streng hervorschauten. Offensichtlich waren sowohl Herr und Frau Basche starke Persönlichkeiten, die über eine gehörige Portion Willenskraft verfügten.
„Guten Tag, Herr Basche”, begrüßte ich ihn höflich. „Wir hatten heute Mittag kurz telefoniert.”
„So?” Basches Reaktion erschöpfte sich im Hochziehen einer seiner buschigen Augenbrauen.
„Es war kein richtiges Gespräch. Kurz nachdem ich mich bei Ihnen vorgestellt hatte, wurde es unterbrochen.”
„Weil ich aufgelegt habe!”, donnerte der alte Mann. „Jetzt erinnere ich mich wieder. Sie sind der Telefonverkäufer. Verschwinden Sie auf der Stelle!”
„Ich will Ihnen nichts verkaufen. Ich bin auf der Suche nach einem Mann, der Sie interviewt hat.”
„RAUS!”
Es war offensichtlich, dass Basche gar nicht zugehört hatte. Sein Gesicht nahm eine tiefrote Färbung an. Ich machte mir ernsthaft Sorgen um seinen Blutdruck.
„Beruhige dich Rüdiger und lass den jungen Mann wenigstens ausreden.”
Ich schenkte Frau Basche einen dankbaren Blick.
„Setzen wir uns ins Wohnzimmer”, fügte sie hinzu, „dann können wir uns in Ruhe unterhalten.” Die zierliche Frau hatte ihren Wüterich offenbar gut im Griff. Er folgte ihr gehorsam in die gute Stube und schraubte die Lautstärke seiner Stimme erheblich nach unten.
„Setzen Sie sich”, sagte er und deutete unbestimmt auf eine Polstersitzgruppe. „Nein, da rüber, in den anderen Sessel, damit ich Sie im Auge behalten kann.”
Frau Basche warf ihrem Mann einen mahnenden Blick zu. Der verstummte augenblicklich und verschränkte die Arme vor der Brust. Es war keine Frage, wer in diesem Haushalt das Sagen hatte.
„Trinken Sie einen Kräutertee mit?”, fragte sie. „Für Kaffee ist es schon ein wenig spät.”
Tatsächlich war es schon nach siebzehn Uhr. Die Fahrerei mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hatte länger gedauert als gedacht. Basches Gattin stellte ein Teeservice und einen Teller mit Gebäck auf den Tisch. Dabei lächelte sie mir aufmunternd zu, während ihr Mann jede meiner Bewegungen argwöhnisch verfolgte. Ich kam mir ein wenig vor wie in dem Spiel ‘Guter Bulle, Böser Bulle’.
„Nun erzählen Sie mal, junger Mann”, sagte Frau Basche, „was Sie zu uns führt. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, suchen Sie einen der Männer, die ein Buch über das Leben meines Mannes schreiben wollten.”
Der Greis öffnete den Mund und beugte sich nach vorne. Offensichtlich wollte er wieder seinem Unmut Luft machen. Ein Seitenblick seiner Angetrauten brachte ihn jedoch erneut zum Schweigen.
„Ja”, sagte ich. „Der Name des Mannes, den ich suche, ist Stefan Rabenacker.”
„Und warum suchen Sie ihn?”, blaffte Rüdiger Basche.
„Er ist plötzlich verschwunden. Seine Freundin macht sich große Sorgen um ihn und hat mich gebeten, bei der Suche zu helfen.”
„Wollen wohl bei ihr landen, was?”
„Rüdiger!”
Basche brummte etwas Unverständliches und bedachte seine Frau mit dem Blick eines kleinen Jungen, dem man soeben sein Spielzeug weggenommen hat. Sie blieb jedoch ungerührt und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder mir zu.
„Ist nicht die Polizei dafür zuständig, Vermisste aufzuspüren, Herr Strecker?”
„Ja, schon”, erwiderte ich. „Aber diese Freundin befürchtet, dass man ihr dort nicht so recht glaubt und dem Fall nicht mit der nötigen Sorgfalt nachgeht.” Unvorsichtigerweise fügte ich noch die Erklärung „Gelegentlich arbeite ich als Privatdetektiv” hinzu, was bei Rüdiger Basche eine ungeahnte Reaktion heraufbeschwörte.
„Tatsächlich?”, fragte er. In seinen Augen leuchtete es auf. „Ich halte ja sonst nicht viel von den Amerikanern, aber diese alten Detektivromane – einfach Klasse! Hart im Nehmen, die Kerle. Wühlen vor allem den Dreck auf, über den die feine Gesellschaft gerne den Teppich legen würde.” Basche schlug mit den Fäusten Löcher in die Luft. „Sie haben sicher auch schon einiges einstecken müssen, was?”
Überrascht von dieser plötzlichen Zuwendung des alten Mannes, war ich zuerst zu keiner Antwort auf diese Frage fähig. Dann dachte ich an mein lädiertes Knie und nickte.
„Ja, kann man schon sagen.”
Basche war begeistert. „Ich habe in meinem Leben auch schon einiges einstecken müssen. Ich war in der KPD, wissen Sie. Anfang der Dreißigerjahre war es besonders schlimm. Kaum ein Tag ohne Prügelei mit dem braunen Pöbel.” Urplötzlich erlosch das Feuer hinter seinen Augen. „Sind schlimme Dinge passiert, damals”, murmelte er und griff nach seiner Tasse.
„Rüdiger, bitte”, wiederholte Frau Basche, diesmal aber um einiges sanfter als vorhin.
„Sie müssen entschuldigen”, sagte sie zu mir gewandt. „Er regt sich leicht auf. Besonders, wenn er über die alten Zeiten spricht.”
„Dafür müssen Sie mich gewiss nicht um Entschuldigung bitten”, antwortete ich verlegen. Ich räusperte mich, bevor ich erneut ansetzte. „Ich habe ein Foto mitgebracht. Vielleicht erkennen Sie den Mann wieder.” Ich holte das Bild hervor und reichte es Herrn Basche. Er betrachtete es ausgiebig. Beunruhigt registrierte ich, dass seine Stirnader heftig pulsierte.
„Und?”, fragte ich vorsichtig. „Erinnern Sie sich an den Mann?”
„Ob ich mich an ihn erinnere?” Basche beugte sich so weit nach vorn, dass ich fürchtete, er würde aus seinem Sessel kippen. „Aber gewiss, das kann ich Ihnen sagen. Der war eigentlich ganz höflich. Ein Idealist, um nicht zu sagen, ein Träumer. Kam in Begleitung eines Kerls, der genau das Gegenteil zu sein schien. Ein ausgekochter Typ war das. Schwang zwar große Reden, aber mich konnte er damit nicht beeindrucken!” Basche ließ sich wieder zurück in den Sessel fallen und schnaubte. „Ich habe diesem Janosch auf den Kopf zugesagt, dass er nichts weiter als ein Salonrevoluzzer sei. Der hatte ja wirklich keine Ahnung. Glaubte wohl, wenn er ein paar Brocken aus dem Kommunistischen Manifest zitiert, dass ich ihm dann um den Hals falle. Pah!”
Nun war ich es, der sich nach vorn beugte. „Janosch, sagten Sie der Mann, der Sie zusammen mit Stefan Rabenacker besuchte, hieß Janosch?”
Basche brummte etwas, das ich als Zustimmung interpretierte. Dummerweise hatte ich mein Diktiergerät nicht eingesteckt. „Hätten Sie vielleicht ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber für mich?”, bat ich.
Frau Basche nickte freundlich und brachte mir das Gewünschte.
„Wissen Sie zufällig, wo dieser Janosch wohnt?”
„Er hat mir sogar seine Visitenkarte dagelassen.” Basche spuckte diesen Satz mehr aus, als dass er ihn sprach. „Kam sich wohl ungeheuer wichtig vor.”
„Rüdiger hat die Karte gleich wegwerfen wollen,” sagte Frau Basche. „Aber ich habe sie aufgehoben und in unser Telefonbüchlein gelegt. Nimmt ja nicht viel Platz weg, habe ich gedacht. Außerdem hatte ich so ein Gefühl, dass wir sie noch einmal brauchen würden.”
Ich dankte dem Himmel für Frau Basches Intuition. „Wären Sie so nett und würden … “
„Aber selbstverständlich”, sagte sie. „Ich hole sie Ihnen.”
Kurz darauf brachte mir Frau Basche Janoschs Visitenkarte. An der rechten unteren Ecke waren ein Hammer und eine Sichel aufgedruckt. Basches Blick fiel darauf und der alte Mann schnaubte erneut verächtlich. Ich steckte die Karte schnell ein und stand auf.
„Vielen Dank, Sie haben mir sehr geholfen.”
„Bekomme ich jetzt auch so ein Kärtchen von Ihnen?”, fragte Rüdiger Basche. „Für den Fall, dass wir Ihnen noch etwas Wichtiges mitteilen wollen?”
„Das ist natürlich eine gute Idee”, erwiderte ich und überreichte ihm das Gewünschte.
„Hier, bitte.”
Basche nahm die Karte und drehte sie zwischen seinen Fingern. Jetzt fehlte nur noch, dass er den Text laut vorlas.
„Tim Strecker, Arbeiten aller Art. He, da steht ja überhaupt nichts von Detektiv!”
„Ich habe leider keine Lizenz”, gestand ich kleinlaut. „Ich arbeite gewissermaßen außer Konkurrenz.”
Basche lachte dröhnend. „Detektiv ohne Lizenz. Das gefällt mir!”
Er erhob sich mühsam aus seinem Sessel und schlug mir mit seiner Pranke auf die Schulter. Meine Knie gaben leicht nach und ich war froh, diesem Mann nicht in der Blüte seines Lebens begegnet zu sein. Sonst hätte mich sein Schlag wahrscheinlich gefällt wie einen Schachtelhalm.

Es war gegen halb neun, als ich an diesem Abend in meine Wohnung zurückkehrte. Die Rückfahrt hatte noch länger gedauert als der Hinweg, weil eine S-Bahn ausgefallen war. Ich war hundemüde und genervt, aß noch eine Kleinigkeit und ging früh zu Bett. Geweckt wurde ich wie am Morgen davor durch heftiges Geläut. Diesmal an meiner Wohnungstür – nicht vom Telefon.
„Einen Moment, bitte!” Mühsam erhob ich mich, zog mir etwas an und taumelte durch den Flur.
„Mach auf, Tim. Sofort!”
Der französische Akzent gehörte unverkennbar zur Stimme meines langjährigen Freundes Auguste Le Meur. Ich fragte mich, was der als Kommissar im Dienst der Wiesbadener Kripo stehende Franzose um diese Zeit bei mir zu suchen hatte. Schließlich war heute ein ganz normaler Arbeitstag. Le Meur begnügte sich inzwischen nicht mehr damit, die Türklingel zu strapazieren. Er hämmerte mit seinen Fäusten gegen das Türblatt, dass es nur so dröhnte.
„Moment, habe ich gesagt!” Nicht zu fassen, dass ein ansonsten so ausgeglichen wirkender Mensch wie Auguste Le Meur sich zu einem derart ungestümen Auftritt hinreißen lassen konnte. Ich riss die Tür auf und Jelzin, wie der Kommissar wegen seiner zwei fehlenden Finger an der linken Hand auch genannt wurde, stolperte, vom eigenen Schwung mitgerissen, in meine Wohnung.
„Hallo, Jelzin”, begrüßte ich ihn betont lässig. „Komm doch rein. Auch einen Kaffee?”
„Lass die Scherze, Tim!”, versetzte der Franzose und bedachte mich mit einem Blick, unter dem ich unwillkürlich zusammenzuckte.
„Was ist los, Auguste. Gibt es Ärger?”
„Das solltest du eigentlich am besten wissen”, gab er zurück und hielt mir eine meiner Visitenkarten unter die Nase.
„Kennst du die?”, fragte er überflüssigerweise.
„Jelzin, ich bitte dich. Komm zur Sache!” Ich war noch müde und mit nüchternem Magen nicht für seine Spielchen aufgelegt. Leicht gereizt schob ich mich an ihm vorbei in die Küche.
„Magst du auch einen Kaffee?”, wiederholte ich. Diesmal nickte er kurz und sah mich ernst an. Die Art, wie Jelzin mich anstarrte, ärgerte mich. Ich wollte ihn gerade erneut auffordern, mir zu sagen was los war, als er mir zuvorkam.
„Diese Karte wurde heute Morgen in Frankfurt in der Wohnung eines alten Ehepaares gefunden. Die Kollegen haben bei uns angefragt, ob du bereits aktenkundig bist.”
Ich drehte mich so schnell zu Le Meur um, dass ich das Kaffeepulver verschüttete.
„Dieses Ehepaar, heißen die Basche?”
Wieder ein Nicken und dieser ernste Blick. „Was hattest du dort zu suchen, Tim?”
„Ich habe mich nach jemandem erkundigt”, sagte ich und schaltete die Kaffeemaschine ein.
„Warum fragst du?” Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare hochstellten. Ich hatte mehr als nur eine Ahnung davon, was Le Meur mir als Nächstes sagen würde.
„Die Basches wurden ermordet, Tim. Jemand hat sie kaltblütig erschossen. In den Hinterkopf. Es war eindeutig Profiarbeit.”
Ich wischte das verschüttete Kaffeepulver auf und verwendete darauf mehr Zeit, als nötig. In meinem Kopf summte es. Das konnte doch nicht wahr sein, dachte ich. Ein Zufall – es musste sich um einen verrückten Zufall handeln. Das Leben war voll davon. Groteske Irrtümer, wohin man schaut. Wieder fühlte ich Le Meurs Blick auf mir. Ich drehte mich zu ihm um und sah ihm direkt in die Augen.
„Ich habe keine Ahnung, Jelzin. Ehrlich!”


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